Schulung / Kommunikation / Motivation

Expertenstandards umsetzen – Schulung zum Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen

Text: Barbara Poschwatta | Foto (Header): © psdesign1 – Fotolia.com

Der neue Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen wurde im März vom Deutschen Netzwerk für Qualität in der Pflege (DNQP) veröffentlicht. Jetzt sind Sie gefordert, diesen Standard in Ihrer Einrichtung umzusetzen. Damit Ihre Mitarbeiter wissen, welche neuen Anforderungen sie erfüllen müssen, empfiehlt es sich, diesen im Rahmen einer Schulung einen Überblick über die Inhalte zu geben. Anregungen dazu gibt Ihnen dieser Beitrag. Eine vorbereitete Powerpointpräsentation steht im Bereich Arbeitshilfen zu diesem Heft bereit, Sie können diese noch an Ihre Bedürfnisse anpassen.

Auszug aus:

QM Praxis in der Pflege
Ausgabe Juli / August 2014
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Die Schulung umfasst folgende Themen:

  • Standardentwicklung
  • Präambel und Zielsetzung des Expertenstandards
  • Standardaussage
  • Standardkriterien
  • Umsetzung in die Praxis
  • Spezielle Anforderungen in Ihrer Einrichtung

Zum Hintergrund der Standardentwicklung

Der Expertenstandard hat im Vergleich zu den anderen Expertenstandards eine ganz eigene, etwas anders gelagerte Entwicklungsgeschichte. Bereits bei der Entwicklung des Expertenstandards Schmerzmanagement in der Pflege im Jahr 2003 bestand der Wunsch, zwischen akuten und chronischen Schmerzen zu unterscheiden und so den unterschiedlichen Implikationen gerecht zu werden. Erst nach der Entwicklung weiterer Standards und der Überarbeitung des Standards war es möglich, diesen neuen Standard zu entwickeln. Neben dieser Besonderheit hat der Standard noch eine weitere, denn er beinhaltet Anforderungen, die aktuell in der Pflegelandschaft noch nicht im gewünschten Umfang vorhanden sind. Es werden pflegerische Schmerzexperten gefordert, die aktuell noch nicht im Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern in der gewünschten Form verankert sind. Insofern will der Standard im besten Sinn auch die Professionalisierung vorantreiben; dies ist für die Expertenarbeitsgruppe ein wesentlicher Ansatzpunkt.

Entwicklung und Konsentierung des Expertenstandards

Im November 2012 hat eine 12-köpfige Arbeitsgruppe begonnen den Expertenstandard zu erarbeiten. Beteiligt an der Gruppe waren Pflegewissenschaftler und Pflegepraktiker aus der Alten- und Krankenpflege.

In vier Arbeitsgruppensitzungen wurden die Inhalte des Expertenstandard-Entwurfs erarbeitet. Die Inhalte basierten dabei auf einer Literaturanalyse und der inhaltlichen Expertise der Experten. Diese war dann gefordert, wenn die Ergebnisse der Literaturanalyse hinsichtlich ihrer Relevanz bewertet werden mussten oder die Literatur keine ausreichende Grundlage für eine Empfehlung beinhaltete.

Im Oktober 2013 wurde der Expertenstandard-Entwurf in Osnabrück im Rahmen einer Konsensuskonferenz vorgestellt und ausführlich diskutiert. Durch die Fachöffentlichkeit wurden die einzelnen Kriterien kommentiert. Die Ergebnisse der Konferenz wurden in den Expertenstandard eingearbeitet, der dann im März veröffentlicht wurde.

Präambel und Zielsetzung des Expertenstandards

Chronische Schmerzen entwickeln sich bei den Betroffenen oft zum Lebensmittelpunkt, sie haben meist massive Auswirkungen auf deren Leben und Erleben.

Definition

Chronische Schmerzen sind charakterisiert durch die Kriterien Intensität der Pathologie, Dauer und Zusammenspiel physiologischer und psychologischer Faktoren. Wichtig ist, dass ein bio-psycho-soziales Modell zugrunde gelegt wird, damit der Schmerz nicht auf die physiologische Dimension reduziert wird. Schmerz soll multifaktoriell betrachtet werden.

Anwender des Standards

Grundsätzlich richtet sich der Standard an Pflegefachkräfte. Einige Bereiche des Expertenstandards richten sich explizit an pflegerische Schmerzexperten, z. B. Pflegefachkräften mit Pain-Nurse-Qualifikation.

Ziele des Expertenstandards

Ziel des Standards ist eine stabile Schmerzsituation zu erreichen und zu erhalten. Dementsprechend unterscheidet der Standard zwischen stabiler und instabiler Schmerzsituation.

Eine stabile Schmerzsituation liegt insbesondere dann vor, wenn

  • die Schmerzsituation für den Betroffenen akzeptabel ist und dieser keinen Veränderungsbedarf sieht;
  • die Stabilitätskriterien an der Lebenswelt des Betroffenen orientiert sind.

Eine instabile Situation liegt vor, wenn

  • keine stabile Situation erreicht wird;
  • es zu Krisen kommt;
  • es zu Versorgungsbrüchen kommt, die nicht aufgefangen werden können;
  • es zu Komplikationen oder Nebenwirkungen kommt;
  • der Betroffene eine Einschränkung der Lebensqualität oder der sozialen Teilhabe erlebt.

Voraussetzung der Anwendung

Für die Anwendung ist es wesentlich, dass die Pflege und alle patientennah tätigen Berufsgruppen eng zusammenarbeiten. Die Pflege sollte hier koordinierend tätig werden.

Standardaussage

„Jeder Patient / Bewohner mit chronischen Schmerzen erhält ein individuell angepasstes Schmerzmanagement, das zur Schmerzlinderung, zu Erhalt oder Erreichung einer bestmöglichen Lebensqualität und Funktionsfähigkeit sowie zu einer stabilen und akzeptablen Schmerzsituation beiträgt und schmerzbedingten Krisen vorbeugt.“ 1

Die Aussage wird damit begründet, dass Betroffene in ihrer Lebenssituation durch den chronischen Schmerz beeinträchtigt sind. Das Schmerzerleben wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus und schränkt zusätzlich die soziale Teilhabe massiv ein.

Hier ist ein deutlicher Bezug zur Präambel des Expertenstandards vorhanden. Besondere Bedeutung hat das individuelle Erleben der Schmerzsituation und die daraus resultierenden Einschränkungen im Wohlbefinden.

Standardkriterien – Ebene 1

Strukturkriterien

S1a Die Pflegefachkraft
verfügt über aktuelles Wissen und die Kompetenz zur Differenzierung zwischen akutem und chronischem Schmerz und zur systematischen Schmerzeinschätzung.

S1b Die Einrichtung
verfügt über aktuelle, zielgruppenspezifische Assessment- und Dokumentationsmaterialien und sorgt für die Verfügbarkeit von pflegerischen Schmerzexperten.

Prozesskriterien

P1a Die Pflegefachkraft
erhebt zu Beginn des pflegerischen Auftrags mittels eines initialen Assessments, ob der Patient / Bewohner Schmerzen, zu erwartende Schmerzen oder schmerzbedingte Einschränkungen hat und ob vorliegende Schmerzen akut oder chronisch sind. Ist dies nicht der Fall, wird die Einschätzung in versorgungsspezifischen individuell festzulegenden Zeitabständen wiederholt.

P1b Die Pflegefachkraft
führt bei allen Patienten / Bewohnern mit chronischen Schmerzen ein differenziertes, kriteriengeleitetes Assessment der Schmerzsituation durch und erfasst individuelle Faktoren, die die Schmerzsituation stabilisieren oder destabilisieren können.

P1c Die Pflegefachkraft
informiert bei instabiler Schmerzsituation den behandelnden Arzt und zieht einen pflegerischen Schmerzexperten hinzu.

Ergebniskriterien

E1
Für alle Patienten / Bewohner mit chronischen Schmerzen liegt eine aktuelle, systematische und zielgruppenspezifische Einschätzung der Schmerzsituation vor. Diese stellt handlungsleitende Informationen zur Weiterführung, Ergänzung oder Entwicklung eines individuellen Behandlungsplans zur Verfügung.

Praktische Hinweise

Die Differenzierung in akute und chronische Schmerzen ist wesentlich, da sich daraus unterschiedliche Vorgehensweisen entwickeln. Hier besteht ggf. auch die Notwendigkeit, die Pfl egefachkräfte speziell zu schulen.

Standardkriterien – Ebene 2

Strukturkriterien

S2a Die Pflegefachkraft
verfügt über Planungs- und Koordinationskompetenzen bezogen auf das pflegerische Schmerzmanagement bei chronischen Schmerzen.

S2b Die Einrichtung
verfügt über eine interprofessionell gültige Verfahrensregelung zum Schmerzmanagement für Patienten / Bewohner mit chronischem Schmerz.

Prozesskriterien

S2 Die Pflegefachkraft
beteiligt sich aktiv und gemeinsam mit den an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen und dem Patienten / Bewohner unter Berücksichtigung seiner Selbstmanagementkompetenzen an der Entwicklung oder Überprüfung individueller Therapieziele, eines individuellen medikamentösen Behandlungsplans und der Planung nicht-medikamentöser Maßnahmen nach dem individuellen Bedarf des Patienten / Bewohners.

Ergebniskriterien

E2
Ein individueller Behandlungsplan, der die Schmerzsituation, die individuellen Therapieziele und die Selbstmanagementkompetenzen des Patienten / Bewohners berücksichtigt, liegt vor.

Praktische Hinweise

An dieser Stelle sollte die einrichtungsspezifische Verfahrensregelung Teil der Schulung sein, um den Mitarbeitern die verschiedenen Abläufe am konkreten Beispiel zu erläutern und nicht nur allgemein davon zu reden. Da Patienten / Bewohner häufig nicht in der Lage sind, ihre Ziele zu formulieren, müssen die beteiligten Pflegefachkräfte hier auch das Sprachrohr des Betroffenen sein.

Standardkriterien – Ebene 3

Strukturkriterien

S3a Die Pflegefachkraft
verfügt über notwendige Informations-, Schulungs- und Beratungskompetenzen.

S3b Die Einrichtung
stellt sicher, dass Information, Schulung und Beratung unter Wahrung personeller Kontinuität umgesetzt werden können, und stellt die notwendigen Materialien zur Verfügung.

Prozesskriterien

P3a Die Pflegefachkraft
informiert, schult und berät den Patienten / Bewohner und ggf. seine Angehörigen in enger Abstimmung mit den an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen versorgungsbereichsspezifisch und auf Basis individuell ausgehandelter Ziele zu seiner Schmerzsituation und trägt zur Stärkung seiner Selbstmanagementkompetenzen bei.

P3b Die Pflegefachkraft
zieht bei speziellem Beratungsbedarf einen pflegerischen Schmerzexperten hinzu.

Ergebniskriterien

E3
Der Patient / Bewohner und ggf. seine Angehörigen sind individuell über seine Schmerzsituation informiert, geschult und beraten. Sein schmerzbezogenes Selbstmanagement ist unterstützt und gefördert.

Hinweise

Wie auch bei den anderen Expertenstandards sind die Pflegefachkräfte gefordert, Patienten / Bewohner zu schulen und zu beraten. Hilfreiche Materialien können z. T. bei Fachgesellschaften angefordert werden.

Standardkriterien – Ebene 4

Strukturkriterien

S4a Die Pflegefachkraft
verfügt über aktuelles Wissen zu medikamentöser und nicht-medikamentöser Schmerzbehandlung, schmerzmittelbedingten Nebenwirkungen, deren Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxen, Kontraindikationen, schmerzauslösenden Faktoren und schmerzvermeidenden Verhaltensweisen.

S4b Die Einrichtung
stellt sicher, dass medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen umgesetzt werden können.

Prozesskriterien

P4 Die Pflegefachkraft
koordiniert die Maßnahmen des multiprofessionellen Teams, stellt die Durchführung der medikamentösen Maßnahmen sicher, setzt die pflegerischen nicht-medikamentösen Maßnahmen des Behandlungsplans um, vermeidet schmerzauslösendes Vorgehen bei pflegerischen Interventionen.

Ergebniskriterien

E4
Die pflegerischen Maßnahmen des individuellen Behandlungsplans sind durchgeführt und dokumentiert. Die Maßnahmen des multiprofessionellen Teams sind koordiniert.

Praktische Hinweise

Nicht jede Einrichtung verfügt bereits heute über pflegerische Schmerzexperten, deswegen kann es hilfreich sein, zur weiteren Schulung über die verschiedenen Möglichkeiten der Schmerzbehandlung Schmerzexperten einzuladen.

Standardkriterien – Ebene 5

Strukturkriterien

S5 Die Pflegefachkraft
verfügt über die Kompetenz, den Verlauf der Schmerzsituation, das Erreichen individueller Therapieziele und die Wirksamkeit der pfl egerischen Maßnahmen zu beurteilen.

Prozesskriterien

P5a Die Pflegefachkraft
beurteilt anlassbezogen und regelmäßig die Wirksamkeit der pflegerischen Maßnahmen und das Erreichen der individuellen Therapieziele.

P5b Die Pflegefachkraft
informiert bei instabiler Schmerzsituation den behandelnden Arzt und zieht einen pflegerischen Schmerzexperten hinzu.

Ergebniskriterien

E5
Eine Verlaufskontrolle und Wirkungsüberprüfung aller pflegerischen Maßnahmen liegt vor. Die pflegerischen Maßnahmen haben zur Stabilisierung der Schmerzsituation und dem Erreichen der individuellen Therapieziele des Patienten / Bewohners beigetragen. Im Falle einer Destabilisierung ist eine Anpassung des Behandlungsplans eingeleitet. 2

 

1 DNQP: Expertenstandard Schmerz management in der Pflege bei chronischen Schmerzen, 2014.
2 Die Kriterien sind dem Experten standard des DNQP 2014 entnommen.

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